Interview mit Nadja Fröhlich-Keller und Stefanie Lehmann
Die Sozialpädagogin und Therapeutin Nadja Fröhlich-Keller und die gelernte Cutterin Stefanie Lehmann sind die Gründerinnen des Vereins Arche Nova Montessori Schule für Alle e.V. Der Verein ist Träger der Montessorischule, die im September 2006 ihre Pforten öffnet. Was die Schülerinnen und Schüler erwartet, wie es zu der Gründung des Vereins kam und wie es weitergehen soll, erläutern die beiden im folgenden Gespräch.
Was ist das Besondere an der Idee einer inklusiven Montessorischule
Nadja Fröhlich-Keller: Die Montessoripädagogik bietet jedem Kind, egal wie leistungsstark es ist, die Möglichkeit, nach seinem eigenen Tempo zu lernen. In der Freiarbeit kann beispielsweise das eine Kind bis zehn rechnen, das Kind daneben im Zahlenraum bis tausend. Dabei stört keiner den anderen. Die Kinder können sich sogar gegenseitig unterstützen. Montessori und Inklusion bilden zusammen eine absolut gelungene Kombination.
Warum haben Sie die Arche Nova Montessori Schule gegründet?
Nadja Fröhlich-Keller: Ich bin Mutter von zwei Töchtern. Meine kleinere Tochter ist viereinhalb Jahre alt und besucht einen integrativen Kindergarten. Meine größere Tochter Julia ist jetzt sieben, ein Mädchen mit Down-Syndrom. Vor zwei Jahren habe ich festgestellt, dass es in München fast gar keine integrativen Schulplätze gibt. Und bei den wenigen Schulen, die es gibt, ist es relativ schwierig, aufgenommen zu werden. Es ist eigentlich wie ein Sechser im Lotto, wenn man die Zusage für einen integrativen Schulplatz bekommt. Nach der Grundschule gibt es eigentlich gar nichts mehr. Und eine Montessorischule mit Inklusion gibt es in ganz Bayern nicht. Nachdem ich dieses Problem zum Glück relativ früh vor der Einschulung meiner Tochter erkannt habe, entstand vor zwei Jahren die Überlegung, soetwas auf die Beine zu stellen. Am Anfang kam uns dieses Vorhaben ein bisschen verrückt und sehr groß vor. Aber bei näherer Recherche habe ich herausgefunden, dass fast alle bayerischen Montessorischulen letztendlich auf Grund von Elterninitiativen gegründet wurden.
Integrative Schulen gibt es in Bayern bereits. Warum wollten Sie jedoch eine Montessorischule mit Inklusion gründen?
Stefanie Lehmann und Nadja Fröhlich-KellerNadja Fröhlich-Keller: In einer integrativen Schule muss das Integrationskind ständig beweisen, dass es integrationsfähig ist und die Schule weiter besuchen darf. Die anderen Kinder müssen das nicht. In einer Schule mit Inklusion muss sich niemand beweisen. Jeder darf so sein, wie er ist. Mit all seinen Schwächen und Stärken.
Wie soll die Arche Nova Montessori Schule für Alle aussehen?
Nadja Fröhlich-Keller: Wir haben vor, mit den Jahrgangsstufen eins bis drei zu beginnen und diese in der Klasse I zusammenzufassen. Im Jahr darauf soll dann die Klasse mit den Jahrgangsstufen vier, fünf und sechs aufgesattelt werden. Pro Klasse wollen wir 25 Kinder aufnehmen. Davon sollen etwa 20 nicht behindert sein. Um die Kinder optimal zu fördern, werden sie zwei Personen lernbegleitend unterstützen. Das wird zum einen eine Grundschullehrerin mit Montessori-Ausbildung und Erfahrung aus der Praxis sein. Zusätzlich soll diese ausgebildete Fachkraft von einer weiteren Lehrerin, Erzieherin, Heilpädagogin oder Sozialpädagogin unterstützt werden.
Haben Sie schon weitere Pläne für die Zukunft?
Stefanie Lehmann: Im Kinderhaus nehmen wir höchstwahrscheinlich ab September 2006 Kinder von zwei bis sieben Jahren auf. Die Gruppe wird etwa 20 Kinder umfassen. Die Ganztagesschule ist in Planung. Aber bis dahin werden wir für die Schulkinder am Nachmittag einen Hort anbieten. Mit dem Start des Horts wird den Kindern eine umfassende Nachmittagsbetreuung geboten. Das Personal im Hort wird Hand in Hand mit den Lehrkräften, die am Vormittag unterrichten, arbeiten. So wird sichergestellt, dass wir ein durchgängiges Konzept für die Kinder anbieten können.
Die Arche Nova Montessori Schule will für Alle da sein. Dennoch muss man nach irgendwelchen Kriterien auswählen. Welche Voraussetzungen müssen Kinder erfüllen?
Nadja Fröhlich-Keller: Eigentlich keine. Es gibt nur einen Punkt: Die Gruppe muss zusammenpassen. Aber es gibt keine Ausschlusskriterien.
Es sind bereits zahlreiche Anmeldungen eingegangen, und Sie planen mit 25 Plätzen für das erste Schuljahr. Wie wählen Sie aus den vielen Anmeldungen aus?
Stefanie Lehmann: Das hängt auch mit dem Engagement der Eltern zusammen. Wir wollen nicht, dass Eltern nur einmal kommen, zahlen und ihr Kind abliefern. Wir wünschen uns, dass sie diese Schule aktiv mittragen. Und bei den Kindern spielt natürlich die Zusammensetzung der Gruppe eine Rolle. Das bedeutet nicht, dass sie von Anfang an toll miteinander umgehen können. Aber wir achten darauf und unterstützen es, dass die Kinder nach einiger Zeit der Eingewöhnung gut miteinander arbeiten können.
Es gibt aber doch ein weiteres Auswahlkriterium. Und zwar das Schulgeld von voraussichtlich 180 Euro im Monat. Wie stellen Sie sicher, dass die Schule nicht zu einer Eliteschule wird?
Stefanie Lehmann: Genau das wünschen wir uns nicht. Wir sind gerade dabei, Patenschaften zu etablieren. So besteht beispielsweise die Möglichkeit, dass Eltern mit gutem Einkommen Teile des Schulgeldes für ein anderes Kind übernehmen. Auch Stiftungen können finanzielle Unterstützung bieten.
Welches Engagement erwarten Sie von den Eltern?
Nadja Fröhlich-Keller: Wenn wir mit der Arche Nova starten, ist natürlich erst einmal sehr viel zu tun, wie das Einrichten oder eventuell der Umbau der Räumlichkeiten. Es ist für uns auch wichtig, Eltern zu haben, die den Gedanken der Arche Nova Montessori Schule für Alle mittragen.
Stefanie Lehmann: Wir fordern aktives Engagement ein. Wir wollen nicht nur Leute, die einfach mal ja sagen. Wir erwarten von den Eltern, dass sie die Angebote auch annehmen, die wir ihnen machen. Eltern sollen die Grundidee der Inklusion verstehen und darüber nachdenken, wie sie diese auch in ihrem Leben umsetzen können.
Der ständig wachsende Leistungsdruck in unseren Schulen ist ein großes Thema. In der Arche Nova Montessori Schule für Alle soll es so wenig Druck wie möglich geben. Die Kinder dürfen nach ihrem jeweiligen Entwicklungsstand und ihren Interessen lernen. Besteht nicht die Gefahr, dass die Kinder das Lernen vernachlässigen?
Stefanie Lehmann
Stefanie Lehmann: Nein. Die meisten Kinder sind von sich aus daran interessiert, etwas zu leisten. Das ist eine ganz normale Entwicklung. Kinder lernen mit großer Ausdauer und Ehrgeiz zum Beispiel laufen und sprechen. Das üben sie so lange, bis es klappt. Und dieser Prozess des Lernenwollens würde immer so weitergehen. Leistungsdruck wird erst von oben ausgeübt. Kinder werden in einem engen zeitlichen Rahmen dazu angehalten, zu einem bestimmten Zeitpunkt, genau dies oder jenes zu lernen. Häufig tritt dann jedoch irgendwann eine gewisse Frustration ein. Aber wenn man die Kinder ihrer Entwicklung entsprechend lernen lässt, dann machen sie auch konsequent weiter.
Was bedeutet es, nach dem Prinzip der Montessoripädagogik zu lernen?
Nadja Fröhlich-Keller: Lernen nach der Montessoripädagogik ist kindgerecht. Meine Tochter Julia hat gerade im Kindergarten die Schleife geübt und war bei diesem Vorhaben äußerst ehrgeizig. Sie hat geübt und geübt, bis sie es endlich konnte. Wenn man Julia jetzt aber gesagt hätte, Schleife zu lernen ist bei einem siebenjährigen Mädchen nicht dran, dann wäre sie gleich frustriert gewesen. Aber es ist gut, wenn Kinder ihrem eigenen Impuls nachgehen können. Dann können sie sehr viel lernen. Spielerisch kann man sie mit den unterschiedlichsten Anforderungen vertraut machen. Kinder können zum Beispiel auch beim Drachenbauen etwas lernen. So können sie messen, wie lang die Schnur ist, oder begreifen, warum der Drache fliegt. Kinder können also diverse Dinge an diesem Drachen lernen. Statik, Auftrieb, dabei kann man mehr oder weniger in die höhere Physik einsteigen. Können Kinder ihrem eigenen Impuls nachgehen, sind sie mit größter Begeisterung dabei. Wenn aber die Lehrerin sagen würde, "Drachenbauen ist jetzt nicht Thema des Unterrichts, rechne jetzt mal bis da und dahin", dann wäre das eher frustrierend.
Was ist das Besondere, wenn behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam auf eine Schule gehen?
Stefanie Lehmann: Wenn behinderte Kinder und nicht behinderte Kinder zusammen lernen, schränkt sie das in keiner Weise ein. Weder im kognitiven Bereich und erst recht nicht im sozialen Lernen. Das selbstverständliche Zusammensein von Behinderten und nicht Behinderten spielt für mich auch in der Gesellschaft eine Rolle. Ich kann da aus eigener Erfahrung sprechen. Ich kann mich wirklich an die paar Male erinnern, bei denen ich als Kind einen behinderten Menschen gesehen habe. Dann kommen einfach auch Berührungsängste auf. Man weiß nicht, wie soll ich mit diesem Menschen umgehen? Wenn aber von Anfang an alle miteinander aufwachsen, dann ist das eine völlig normale Geschichte. Dann ist es eben auch normal, anders zu sein.
Wieso wünschen Sie sich für Ihre siebenjährige Tochter Julia einen Schulplatz mit Inklusion?
Nadja Fröhlich-Keller: Ich denke, dass es für Julia wichtig ist, ein Umfeld zu haben, in dem soviel Normalität wie möglich herrscht. Unsere Welt ist halt so. Meine Tochter soll auch mit der Normalität konfrontiert werden. Und ich finde, Julia kann sich auch da gut bewegen. Natürlich kann sie manche Dinge besser, und bei manchen Sachen tut sie sich einfach schwerer. Zum Beispiel kann sie nicht richtig gut bis zehn zählen. Aber dafür kann Julia als Vorschulkind schon fast das ganze ABC, und ich denke, das ist einfach so richtig.
Welche Erfahrungen haben Schulen gemacht, die schon nach dem Montessoriprinzip mit Inklusion arbeiten? Inwiefern profitieren die Kinder von diesem Konzept?
Nadja Fröhlich-Keller: In Schulen, in denen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam den Unterricht besuchen, herrscht ein großes kooperatives Miteinander. Kinder können Sozialverhalten lernen, und dies stärkt den Gruppengeist. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass nicht behinderte Kinder deutlich mehr von der Inklusion profitieren als die behinderten Kinder. Das fand ich sehr überraschend.
Ist der Übergang auf eine Regelschule möglich?
Nadja Fröhlich-Keller: Das ist möglich. Außerdem ist der Montessori Landesverband in Bayern gerade dabei, die Sekundarstufe II bis zum Abitur aufzubauen. Nächstes Jahr wollen sie damit starten. Ich freue mich sehr über diese Entwicklung.
Wie erbringen die Kinder die Leistungsnachweise, wenn sie auf ein Gymnasium wechseln möchten?
Stefanie Lehmann: Das Aufnahmeverfahren ist das gleiche wie für alle anderen privaten Schulen auch. Damit meine ich alle staatlich genehmigten Schulen. Wenn die Kinder auf eine Regelschule wechseln wollen, müssen sie vorher einen dreitägigen Probeunterricht absolvieren. An der Montessorischule, die meine Tochter besucht und auf der auch mein Sohn vorher war, habe ich die Erfahrung gemacht, dass in der Regel alle Kinder diesen Probeunterricht gut, oft sehr gut bestehen. Das ist der gleiche Probeunterricht wie für die Kinder, die auf eine Regelschule gehen und nicht den Schnitt haben, um aufs Gymnasium zu gehen.
Wie sieht das Schulsystem in unseren Nachbarländern aus?
Stefanie Lehmann: In Finnland ist das System anders. Dort gibt es keine Sonderschulen mehr. Auch in Italien sind die Sonderschulen in den siebziger Jahren abgeschafft worden. Jedes Kind geht in die Schule, die dem Wohnort am nächsten ist. Egal wie behindert oder nicht behindert es ist. Das ist in Finnland und in Italien so, und in Österreich geht die Schulentwicklung auch in diese Richtung. Auch in der Schweiz gibt es Ansätze. Deutschland ist in dieser Hinsicht leider ganz hintendran.
Sie beschäftigen sich schon einige Zeit intensiv mit dem Thema Inklusion. Was bedeutet Inklusion inzwischen für Sie?
Nadja Fröhlich-Keller
Nadja Fröhlich-Keller: Inklusion ist für mich allgemein ein wichtiges Thema. Natürlich hat es damit begonnen, dass Stefanie Lehmann und ich einen integrativen Schulplatz für unsere Kinder gesucht haben. Aber für mich hat Inklusion inzwischen eine viel größere Reichweite bekommen. Ich halte das insgesamt für ein gesellschaftspolitisches Thema, das viele Lebensbereiche betrifft und das weit über die Suche nach einem Schulplatz hinausgeht. Junge und Alte, Behinderte und nicht Behinderte, Ausländische und die unterschiedlichsten Menschen sollten viel mehr zusammen leben.
Das Gespräch führte Sabine Dziewas.