Foto Professor Heimlich

"Die Montessori-Konzeption bleibt aktuell"

Interview mit Ulrich Heimlich

Ulrich Heimlich arbeitet als Professor für Sonderpädagogik (Lernbehindertenpädagogik) an der LMU München. Er ist wissenschaftlicher Begleiter der Arche Nova Montessori Schule für Alle.

Sie waren als wissenschaftlicher Betreuer an der Entwicklung der Konzeption der Arche Nova-Schule beteiligt. Bitte schildern Sie Ihre Erfahrungen.

Wir sind seit etwa einem Jahr im Gespräch. Im Verlauf wurde deutlich, dass an dieser Schule das Prinzip der Inklusion im Vordergrund stehen soll. Unser Ausgangspunkt ist die Montessori-Pädagogik. Aber das Interessante ist, dass wir diese Konzeption weiterentwickeln wollen im Hinblick auf die Teilhabe von Schülern. Das betrifft auch Kinder mit Behinderungen, oder, wie wir heute sagen, mit besonderen Bedürfnissen.

Der Begriff der Inklusion spielt eine wichtige Rolle in der Konzeption der Schule. Würden Sie ihn kurz erläutern?

Diesen Begriff haben wir aus der angelsächsischen Debatte übernommen. Es geht darum, bei der Integration von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft, und speziell in das Bildungssystem, einen Schritt weiterzukommen. Inklusion bedeutet im Unterschied zur Integration, dass in Bildungseinrichtungen auf jegliche Aussonderung verzichtet wird. Alle Kinder aus einem Stadtteil sollen dabei sein, egal aus welcher Kultur sie kommen und welche Beeinträchtigungen sie möglicherweise mitbringen. Dabei muss immer wieder überprüft werden, ob die Möglichkeit der Teilhabe für alle Kinder noch gegeben ist. Die gesamte Institution muss sich fortwährend die Frage stellen: Ist das noch inklusiv?

"Die meisten würden sich wieder für eine solche Schule enscheiden"

Inklusion klingt in der Theorie recht interessant. Aber wie kann das praktisch funktionieren? Welchen Anreiz haben die Eltern so genannter normaler Kinder, diese an eine solche Schule zu schicken?

Wir blicken inzwischen auf 30 Jahre Erfahrungen mit gemeinsamem Unterricht in der allgemeinen Schule zurück. Dabei hat sich herausgestellt, dass alle Seiten davon profitieren, auch die Kinder ohne Behinderungen. Es ist interessant, dass die Eltern dieser Kinder in ihrer Meinung bestärkt werden, wenn sie ihre Erfahrungen gemacht haben. Die meisten von ihnen sagen, dass sie sich wieder für eine solche Schule entscheiden würden.

Wie kommen die Eltern zu dieser Ansicht?

Die Kinder ohne Behinderung lernen vieles zusätzlich, was sie an anderen Schulen nicht lernen würden. Das geht in die Richtung sozialer Umgang miteinander und Umgang mit Unterschieden. Die Kinder lernen zu akzeptieren, dass andere Kinder Schwierigkeiten haben und Unterstützung benötigen. Und sie lernen auch, selbst Unterstützung zu geben, ohne den anderen zu bevormunden. Solche Lernprozesse sind ein echter Vorteil inklusiver Schulen. Und das hilft auch in Kernfächern. Man lernt ja selbst immer dazu, wenn man einem anderen etwas erklärt. Damit kann man auch das eigene Verständnis vertiefen.

Aber sorgen nicht das Schulgeld und das hohe Engagement, das von den Eltern erwartet wird, dafür, dass es nur eine bestimmte Art Eltern ist, die ihre Kinder auf eine solche Schule schickt?

Der Inklusionsgedanke baut darauf, dass Kinder aus allen Schichten mitmachen sollen. Das Engagement der Eltern ist in jeder Form von Schule bedeutsam. Natürlich ist das aufgrund der beruflichen Situation oft schwer. Aber es ist wichtig, dass das Erziehungskonzept der Familie mit dem der Schule harmoniert. Deshalb sollen Foren geschaffen werden, in denen diese Erziehungsinstanzen zusammenarbeiten können.

"Man darf den Kindern da ruhig einen Vertrauensvorschuss geben"

Die Montessori-Pädagogik setzt ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbstdisziplin der Kinder voraus. Erwartet man da nicht zuviel von Kindern im Grundschulalter?

In den ersten Schulwochen ist das tatsächlich sehr viel Neues. Aber oft sind die Kinder schon durch Kindertageseinrichtungen recht gut vorbereitet. Auch im Vorschulalter läuft das Lernen schon sehr selbstgesteuert ab. Wir sollten die Kinder da nicht unterschätzen, man darf ihnen ruhig einen gewissen Vertrauensvorschuss geben. Die Kinder erreichen oft schon nach wenigen Wochen ein erstaunlich hohes Maß an Selbständigkeit.

Und das funktioniert?

Ja. Es ist sogar eher so, dass der traditionelle, gleichförmige Unterricht für alle immer weniger funktioniert. Selbstgesteuertes Lernen, individuelle Aufgabenstellungen, das wird generell immer wichtiger: Lehrer werden zunehmend zu Lernbegleitern, Lernberatern. Das hat die Montessori-Pädagogik schon immer so gesehen. Sie hat da etwas vorweggenommen, was auch durch die neuere Lern- und Hirnforschung bestätigt wird.

Besteht bei der freien Auswahl der Lehrpläne nicht die Gefahr, dass die Kinder sich einseitig bilden? Dass sie Bereiche vernachlässigen, die ihnen weniger Spaß machen?

Die Gefahr besteht, und manche Kinder werden sich zunächst recht einfache Aufgaben vornehmen. Aber die Erfahrungen mit Projektarbeit und eigener Themenwahl zeigen, dass Kinder sich sogar oft eher zu anspruchsvolle Aufgaben stellen. Sie bearbeiten Themen, die sie interessieren, die aber so komplex sind, dass sie sie nicht ohne fremde Hilfe bewältigen können. Kinder wollen etwas lernen. Und vieles von dem, was sie lernen, beruht auf eigenem Antrieb, oder ist ein Lernen voneinander.

"Gemeinsam Regeln des Zusammenlebens festlegen"

Sieht die Montessori-Pädagogik auch disziplinarische Maßnahmen oder Strafen vor? Oder wie geht man mit Kindern um, die die geforderte Selbstdisziplin nicht aufbringen?

Wichtig ist, dass die Kinder lernen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Aber in einem reformpädagogischen Unterricht ist entscheidend, dass man die Kinder auch in solche Fragen mit einbezieht. Am besten, indem man auftretende Schwierigkeiten mit ihnen bespricht. Meist empfinden die Kinder die Situation auch selbst als belastend. Und sie wissen, was besser wäre, und was sie bereit sind, selbst dafür zu tun. Wenn immer nur wir die Grenzen setzen, wird das Widerstände bei den Kindern hervorrufen. Hier kann die Montessori-Pädagogik wichtige Anregungen geben für einen veränderten Umgang zwischen Lehrern und Schülern. Hin zu einer Gesprächskultur, in der gemeinsam Regeln des Zusammenlebens festgelegt werden.

Den Lehrkräften wird viel abverlangt, wenn sie für jedes Kind ein individuelles Lernkonzept entwickeln und umsetzen müssen. Sind da zwei Lehrkräfte bei Klassen von 25 Kindern nicht überfordert?

Wichtig ist, dass die Kompetenz vorhanden ist, sowohl im fachlichen, als auch im pädagogischen Bereich. Da ist es gut, wenn eine Lehrkraft dabei ist, die sich auch mit speziellen Förderbedürfnissen auskennt, etwa mit Lernschwierigeiten. Entscheidend ist, dass die Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften gut funktioniert. Sie müssen miteinander harmonieren, und sie müssen ein ähnliches Erziehungskonzept vertreten. Da sind die Voraussetzungen beim Arche Nova-Projekt sehr gut, weil man sich da über das zugrunde liegende Schulkonzept einig ist.

"Einen Buchstaben einfach mal zu fühlen, das ist ein ganz anderer Zugang"

Im Konzept der Arche Nova Montessori Schule ist viel von speziellem Lernmaterial für die Kinder die Rede. Generell scheint die sinnliche Dimension eine große Rolle zu spielen. Können Sie das veranschaulichen?

Das ist in Worten nicht einfach. Es geht beim Montessori-Material ja auch um eine ästhetische Erfahrung. Man muss die Dinge auch einmal in die Hand nehmen, betasten können. Die Holzgegenstände, die Maria Montessori entworfen hat, fühlen sich einfach gut an. Oder die Sandpapierbuchstaben. Einen Buchstaben einfach mal zu fühlen, das ist ein ganz anderer Zugang. Das Montessori-Material hat sich bewährt, es ist an vielen Orten mit Erfolg eingesetzt worden. Und dieser Grundgedanke der Montessori-Pädagogik ist wichtig im Hinblick auf die Inklusion: der vielfältige sinnliche Zugang ermöglicht auch Kindern mit besonderen Bedürfnissen die Annäherung an die Gegenstände. Gerade wer nicht sehen oder hören kann, muss sich die Welt über andere sinnliche Erfahrungen erschließen. Das Montessori-Material ist nicht ganz billig, aber wenn man sieht, wie die Kinder damit arbeiten, weiß man, dass es sich lohnt.

Werden im Unterricht auch ganz normale Lehrbücher verwendet?

In der modernen Pädagogik hat das Lehrbuch etwas an Stellenwert eingebüßt, aber der Einsatz ist nicht ausgeschlossen. Es gibt hervorragend gestaltete Lehrbücher, die nicht zu textlastig sind, die den Kindern Anregungen geben und Aufgaben stellen, die also eher Arbeitsbuch-Charakter haben. Aber gerade für Phasen der Freiarbeit ist das Schulbuch eigentlich nicht das richtige Mittel. Da gibt es vielfältige Lernmaterialien, die besser geeignet sind. Oder zum Beispiel beim Erwerb der Schriftsprache, da haben wir die klassische Fibel hinter uns gelassen. Es gibt heute individuell zugeschnittene Materialien, die überlegen sind. Die Fibel repräsentiert in gewisser Weise das alte Prinzip des Lernens im Gleichschritt. Davon ist man gottseidank abgegangen.

"Inklusion ist ein Prozess, der im Gespräch stattfindet"

Die Arche-Nova möchte ein "Fünf-Säulen-Prinzip" der Mitverwaltung einführen. Jeder soll mitreden, die Eltern, der Verein, etc. Klingt das nicht nach endlosem Palaver und verzögerten Entscheidungen?

Klar, die Gefahr besteht immer, dass man durch viele Besprechungen auch Zeit verliert. Allerdings kann eine inklusive Schule nur über das Gespräch inklusiv bleiben. Das funktioniert nur, wenn man es schafft, alle Beteiligten ins Gespräch zu ziehen. Dazu gehört aber auch die Öffnung der Schule selbst, dass man das Gespräch nach außen sucht, sich von außen Rat holt. Inklusion ist letztlich ein Prozess, der im Gespräch stattfindet, ein dialogisches Geschehen.

Wie funktioniert der Wechsel an andere Schulen? Haben die Schülerinnen und Schüler nicht Schwierigkeiten, ihre Leistungen anerkannt zu bekommen?

Dazu hört man unterschiedliche Berichte. In einzelnen Fällen ist es schon so, dass Kinder beim Übertritt in den gymnasialen Bereich Schwierigkeiten haben, in manchen Fächern den Anschluss zu finden. Was eigentlich immer als Vorteil geschildert wird ist, dass diese Kinder selbständig arbeiten können. Und oft hört man auch Berichte, dass Kinder aus Montessori-Schulen auch die Standards für Gymnasien spielend erfüllen. Letztlich hängt der Erfolg weniger von der Montessori-Konzeption ab als davon, wie gut es einer Schule gelingt, diese Prinzipien umzusetzen. Wenn man einer Schule die Zeit lässt, sich zu entwickeln, können die Kinder mindestens mithalten, wenn sie nicht sogar besser abschneiden, das ist meine Erfahrung.

Wie geht es den Absolventen von Montessori-Schulen draußen 'im wirklichen Leben'? Besteht nicht die Gefahr, dass sie kritisch beäugt werden?

Das kann ich nicht bestätigen. Ich sehe es eher so, dass die Montessori-Pädagogik einige der berühmten Schlüsselqualifikationen bei den Schülern aufbaut. Nämlich zum einen das selbständige Lernen, zum anderen die Teamfähigkeit. Auf diesen Gebieten haben Montessori-Schüler Vorteile. Generell ist die Lage auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt natürlich schlecht, und da haben es Kinder mit besonderen Bedürfnissen nicht leicht. Aber auch für sie ist die Montessori-Pädagogik gerade in Bezug auf die genannten Schlüsselqualifikationen eher von Vorteil.

"Moderne Forschungsergebnisse bestätigen viele Annahmen der Montessori-Konzeption im Nachhinein"

Wie beurteilt die moderne Pädagogik die Lehren von Maria Montessori?

Für uns ist der Montessori-Ansatz eine der wichtigsten reformpädagogischen Konzeptionen. Im Grunde ist sie bis heute unvermindert aktuell geblieben. Andere Alternativ-Konzeptionen sind schlechter gealtert und heute eher randständig. Meiner Auffassung nach ist die Montessori-Pädagogik fast schon synonym mit einer modernen Pädagogik, die die Kinder zu eigentätigem Lernen anregt und sie individuell fördert. Moderne Forschungsergebnisse bestätigen viele Annahmen der Montessori-Pädagogik im Nachhinein. So wird etwa die Annahme sensibler Phasen heute durch Ergebnisse der Gehirnforschung untermauert. Die Montessori-Konzeption ist also durchaus aktuell.

Das Gespräch führte Michael Mühlhaus.

Kinder und Kegel