Glueckliche Kinder

"Eine willkommen heißende Schule"

Interview mit Ines Boban

Ines Boban ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Sie ist zuständig für den Arbeitsbereich Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik sowie für den berufsbegleitenden Studiengang Integrationspädagogik. Als Mentorin der Arche Nova Montessori Schule für Alle nimmt sie Stellung zum Projekt der Schule und dem Gedanken der Inklusion.

Wie würden Sie den Begriff Inklusion erklären?

Ich finde, die schönste Form, den Begriff Inklusion in Bezug auf die Arche Nova Montessori Schule für Alle zu übersetzen ist: Eine willkommen heißende Schule. Aber Inklusion auf die Gesellschaft bezogen bedeutet: Wir sind eine willkommen heißende Gesellschaft.

Worin liegt der Unterschied zwischen Integration und Inklusion?

Eine kanadische Lehrerin hat mir sehr anschaulich erklärt, warum sie nicht mehr auf den Begriff "integration" setzt, sondern vielmehr den Begriff "inclusion" verwendet. "Inclusion means with", aber bei Integration wird, "integration in" verwendet. Und "in" oder "with" ist ein gravierender Unterschied. Integration bedeutet in Bezug auf eine Gruppe, umgangssprachlich ausgedrückt, in der Hauptsache irgendwie drin und auch dabei. Das bedeutet in einer fest geformten Gruppe werden noch ein paar andere mit aufgenommen, d.h. diese werden integriert. Dies ruft jedoch eine Schieflage hervor, außerdem gibt es auch Stigmatisierungen innerhalb dieses Prozesses. Wenn wir uns jedoch den Begriff "inclusion means with" anschauen, wissen wir, dass wir eine vielfältige Gruppe sind, mit unterschiedlichsten Stärken, Qualitäten und Aspekten. Dann entsteht eine bunte Vielfalt aus diversen Minderheitsaspekten. Und ein Miteinander statt eines Nebeneinanders, es geht eben um mehr als um friedliche Koexistenz.

Ines BobanInes Boban

Sie begleiten öfter Schulprojekte und stehen der Arche Nova Montessori Schule für Alle als Mentorin beratend zur Seite. Kennen Sie in Deutschland weitere Schulen, die nach dem Prinzip der Inklusion unterrichten?

So viel ich weiß, gibt es außer dieser Initiative nur eine weitere Schule in Magdeburg mit dem Ziel, eine inklusive Schule entstehen zu lassen. Aber bei der Arche Nova Montessori Schule für Alle in München ist es das erste Mal, dass die Schule schon im Namen das Attribut der Inklusion trägt. Ich kenne zwar einige Schulen, die schon sehr weit im inklusiven Prozess des Willkommenheißens, Würdigens und Anerkennens sind. In diesem Bereich gibt es eine ganze Reihe sehr guter Schulen. Aber diese hatten nicht von Anfang an den Gedanken der Inklusion im Mittelpunkt gehabt. Die Initiative Arche Nova Montessori Schule für Alle hat den Gedanken der Inklusion von Beginn an als ihr zentrales Anliegen.

In Bayern gibt es bisher keine einzige Schule mit Inklusion, der Bedarf ist jedoch da. Wie reagieren betroffene Eltern?

Es gibt eine Reihe von Eltern, die mittlerweile sozusagen ausgewandert sind. Ich kenne zum Beispiel eine Familie, die nach Köln übergesiedelt ist oder eine andere Familie, die wegen eines Schulplatzes für ihr behindertes Kind nach Österreich gegangen ist. Persönlich kenne ich auch die Familie Wild, die Bayern verlassen hat und sich in Reutte eine Schule für ihren Sohn mit Down-Syndrom gesucht hat. Man kann ganz klar sagen, Auswanderung auf Grund nicht gestatteter Integration ist politische Realität in Bayern.

Woran liegt es, dass Deutschland und Bayern in Bezug auf Schulen mit Integration und Inklusion relativ weit hinten liegen? Fehlen da die finanziellen Mittel?

Im Gegenteil, unser Problem ist, dass wir zu reich sind. Eine Frau aus Bangladesh hat einmal auf einem Kongress gesagt, dass sie wirklich Mitleid mit uns Europäern hat. Weil wir so reich sind, haben wir das Problem, dass wir uns sehr viel Exklusivität leisten können. Das wird sich in Deutschland vielleicht in Zukunft ändern, ob uns das passt oder nicht. Wenn wir die demographische Entwicklung betrachten, wird es immer weniger Kinder geben. Dadurch wird es für die Schulträger immer schwieriger sein, ein gegliedertes Schulwesen, wie wir es momentan haben, zu finanzieren. Es wird dann auch eine Frage der Finanzierung sein, ob wir uns dieses Schulsystem, so wie es jetzt besteht, weiter leisten können. Unser aktuelles Schulsystem verschlingt Unsummen an Steuergeldern. In Zukunft wird man es sich nicht mehr erlauben können, nur einigen wenigen einen Sonderplatz an Integration einzuräumen.

Was würde eine Montessori Schule für Alle für die Gesellschaft bedeuten?

Die Arche Nova Montessori Schule für Alle kann eine Basis bieten, damit junge Menschen ein gesundes, starkes Selbstbewusstsein entwickeln. Sie können sich zu Individuen entwickeln, die sich gegenseitig willkommen heißen und schätzen. Sie werden positiv wahrnehmen, dass wir alle sehr unterschiedlich sind und dass es gut ist, wenn wir das sind. Diese jungen Menschen werden ein starkes Ich entwickelt haben, mit Zugängen zu all den verschiedenen Facetten, die in ihnen liegen. Sie werden in sich integriert sein. Sie werden Zugang zu ihrer Intuition, ihren Emotionen, ihrer Kognition und ihrem Denkvermögen, usw. haben. Die Gesellschaft wird reicher werden um eine Gruppe von Menschen, die in der Lage sind, Würde zu leben und andere anzuerkennen. Sie werden die Neugier und Offenheit haben, auf andere zuzugehen, weil sie diese Erfahrung selbst in der Arche Nova Montessori Schule für Alle machen durften. Wirtschaft und Sozialsysteme könnten dann einen Zuwachs an jungen Leuten verzeichnen, die bereits von Kindesbeinen an Teamprozesse erprobt haben. Diese Menschen haben sich im Team erfahren und wissen, dass man die Welt verändern kann, indem man zusammenarbeitet.

Welche Nachteile sehen Sie für die Schüler, die die Erfahrung gemacht haben, eine Montessori Schule mit Inklusion zu besuchen?

Diese Menschen sind nicht so geübt darin, sich anzupassen. Anpassung wird ihnen schwer fallen. Das bedeutet, dass sie relativ häufig anecken und für Auseinandersetzungen sorgen werden. Sie werden weniger anpassungsbereit sein. Aber sie werden auch weniger Anpassung von anderen erwarten. Sie werden die Erfahrung gemacht haben, sich nicht allzu sehr verbiegen zu müssen. Diese Menschen haben alle ihre vitalen Kräfte noch beieinander. Sie werden unbequem sein, wenn sie ungerecht behandelt werden. Ich weiß nicht, ob das ein Nachteil ist. Diese Menschen werden sich nicht so einfach anpassen, sondern ihren eigenen Weg gehen. Natürlich kann sich anzupassen auch eine clevere Leistung sein. Aber man zahlt einen hohen Preis.

Das Gespräch führte Sabine Dziewas.

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